Wärmetechnischer Vergleich ausgewählter Bautechniken und Betriebsweisen von Wohnbauten
Autor: Professor Dr.-Ing. habil. Bernd Glück

Fortsetzung von Seite 1

"Während im Norden Europas die Gebäude vornehmlich eine wirkungsvolle Wärmedämmung und im Süden eine große Wärmespeicherfähigkeit besitzen müssen, bedarf es hierzulande der "richtigen Mischung" aus beiden Eigenschaften." so Prof. Glück zu seinen Forschungsergebnissen (HLH 12/2005). "Die vorrangige Entwicklung der Gebäudedämmung, die durch die Energieeinsparverordnung befördert wurde, vernachlässigte die Wärmespeicherkapazität der Raumumfassungen. Der Einsatz von Latentspeichermaterialien (PCM) - beispielsweise durch mikroverkapselte Paraffine in Putzen und Bauplatten - soll diesen Nachteil beheben. Die Werbung vergleicht die Wärmespeicherkapazitäten von PCM-Bauplatten mit denen bestimmter Beton- oder Ziegelwanddicken und suggeriert beim Einsatz dieser Produkte auch das analoge energetische Verhalten und eine vergleichbare thermische Behaglichkeit wie in konventionellen Bauten. Wie gezeigt wird, sind diese Eigenschaften aber nicht a priori in derselben Weise gegeben, da die Phasenwandeltemperatur entscheidenden Einfluss nimmt."

Untersucht wurden mit dem eigens dafür entwickelten Simulationswerkzeug "Dynamisches Raummodell" folgende sechs unterschiedliche Bauweisen

  • Massivhäuser aus Betonfertigteilen
  • Holzleichtbauten ohne und mit PCM-Gipsbauplatten
  • Massivholzbauten ohne und mit PCM-Lehmbauplatten
  • moderne Ziegelbauten

hinsichtlich ihrer energetischen und wärmephysiologischen Eigenschaften im Jahresgang anhand von vier Designdays.

Als Hauptbewertungskriterien galten:

  • Entwurfstag 1: Heizlast unter Auslegungsbedingungen für die Raumtemperatur 22 °C

  • Entwurfstag 2: Tagesheizbedarf an einem heiteren Februartag für eine Raumtemperatur von mindestens 22 °C während der Nutzzeit (700...2200 Uhr) und mindestens 18 °C in den Nachtstunden

  • Entwurfstag 3: Tageshochgradstunden an einem heiteren Julitag bei freischwingender Raumtemperatur und Bewertung der Zeiten mit größer 26 °C unter Nutzung einer intensiven Nachtlüftung

  • Entwurfstag 4: Tageskühlbedarf an einem Extremsommertag bei Einhaltung einer maximalen Raumtemperatur von 26 °C während der Nutzzeit und Einsatz der Nachtlüftung.

Es wurde ein stets gleicher Testwohnraum (ca. 30 m²) in einem Doppelhaus mit großer Fensterfläche nach Süden und einer Außenwand mit Fenster nach Westen betrachtet, wobei die Aussagen auch auf den Geschosswohnungsbau übertragbar sind. Die Hauptergebnisse der Untersuchung sind aus Tabelle 1 und Bild 1 entnehmbar. Spezielle Ergebnisse zeigen die Bilder 2 und 3.

Nachfolgende Hauptaussagen wurden abgeleitet:

  • Es gibt keine eindeutig zu präferierende bauliche und/oder materialtechnische Lösung für Wohngebäude, sodass den Bauschaffenden die spannende Suche nach thermisch behaglichen und energetisch günstigen Realisierungen erhalten bleibt. Jedoch werden der Massivholzbau und der homogene Leichtziegelbau, die dem Architekten große Gestaltungsfreiheiten erlauben, überraschend positiv bewertet.

  • In Mitteleuropa müssen wegen der stark wechselnden meteorologischen Bedingungen die Raumumfassungen eine optimale Kombination von Wärmedämm- und Wärmespeicherfähigkeit besitzen. In der Vergangenheit bevorzugten die Energieeinsparverordnungen die Gebäudedämmung, in neuerer Zeit versucht man durch den Einsatz von Baumaterialien mit Latentspeichermaterial (PCM) - beispielsweise durch Gipsbauplatten mit mikroverkapseltem Paraffin - Bauten mit einer größeren Wärmespeicherkapazität aus- bzw. nachzurüsten. Ihre Anwendung ist wirkungsvoll, wie Tabelle 1 und Bild 1 aussagen.

  • Die thermisch-energetischen Wirkungen beim Einsatz von Latentspeichermaterial sind jedoch sehr stark von seiner Phasenwandeltemperatur abhängig. Bereits bei der Wahl der Schmelztemperatur ist zu entscheiden, ob die Speicherwirkung bevorzugt der winterlichen Heizenergieersparnis durch passive Solarenergienutzung oder der wärmephysiologischen Verbesserung im Sommer durch vergrößerte Wärmespeicherung am Tage und Entladung mittels verstärkter Nachtlüftung dienen soll. Beide Ziele sind nicht gleichzeitig erfüllbar.

    Der einfache Vergleich der Speicherkapazitäten von Latentmaterialien mit konventionellen Bauteilen - wie in Werbeaussagen oftmals formuliert - ist bezüglich der wärmetechnischen Auswirkungen auf den Raum nicht aussagefähig.

    Der kombinierte Einsatz von Latentspeichermaterialien mit beispielsweise zwei unterschiedlichen Phasenwandeltemperaturen könnte bei gleichzeitiger Erhöhung des PCM-Anteils sinnvoll sein. Vor dem Einsatz eines Materialgemisches mit einem gemeinsamen Schmelztemperaturbereich wird allerdings gewarnt.

    Verschiedene Latentspeichermaterialien haben keine identische Schmelz- und Erstarrungstemperatur. Vorzugsweise sollte Material mit kleiner Hysterese eingesetzt werden.

  • Die Weiterentwicklungen herkömmlicher Baustoffe zeigen, wie Wärmedämm- und Wärmespeicherfähigkeit optimal vereinigt werden können. Bemerkenswert ist dabei, dass man sich beispielsweise dem gleichen Ziel von zwei völlig unterschiedlichen Ausgangsmaterialien bzw. Bauweisen nähert:

    Der moderne Ziegelbau besitzt durch die Verwendung von Gitterziegeln und Feinbettmörtel gegenüber dem Vollziegelmauerwerk eine hohe Dämmfähigkeit bei verminderter Wärmespeicherkapazität.

Der Massivholzbau nutzt die niedrige Wärmeleitfähigkeit des Holzes und erreicht durch das kreuzweise Aneinanderfügen von Brettern aus kostengünstiger "Seitenware" eine relativ hohe Wärmespeicherkapazität.
In der Folge dieser Entwicklungen können Wohnbauten mit sehr ähnlichen Nutzungseigenschaften entstehen, wie Bild 1 unter unterschiedlichsten Randbedingungen veranschaulicht. Die Ursache der bestehenden Ähnlichkeit liegt in den Stoffwertpaarungen in Verbindung mit den Bauteildicken begründet. Einen Auszug gibt Tabelle 2 wieder.

  • Neue Baustoffe für strukturhomogene Bauteile müssen aufeinander abgestimmte Wärmedämm- und Wärmespeichereigenschaften besitzen. In erster Näherung kann man sich an den Stoffwerten bzw. an komplexen wärmetechnischen Größen bewährter Lösungen orientieren (vgl. auch Tabelle 2).

  • Viele Baustoffneuentwicklungen widmen sich der gezielten Verbesserung einer Stoffeigenschaft. Hierzu gehören beispielsweise Vakuumisolationswerkstoffe (VIP) mit hervorragenden Wärmedämmeigenschaften oder Latentspeichermaterialien (PCM) mit hohen Wärmespeicherkapazitäten aufgrund des Phasenwandels. Diese Baustoffe können in der Regel nur in Verbindung mit anderen Materialien Raumumfassungen bilden, die im einfachsten Fall als Sandwichelemente gestaltet sind. Zukünftig könnten auch Komposite interessant sein.

  • Das Simulationsprogramm "Dynamisches Raummodell" hat sich bei der wärmetechnischen Beurteilung bzw. Optimierung der Raumumfassungen und der Bewertung der wärmephysiologischen Raumeigenschaften für die wechselnden Randbedingungen im Jahresgang bewährt.

Tabelle 1: Hauptergebnisse für die Bautypen 1 bis 6 gemäß der Originaluntersuchung
Hauptergebnisse für die Bautypen 1 bis 6 gemäß der Originaluntersuchung

 

Tabelle 2: Stoffwerte und Wärmekapazität von Ziegelmauerwerk und Massivholzbauteilen
Stoffwerte und Wärmekapazität von Ziegelmauerwerk und Massivholzbauteilen


Grafische Darstellung der Hauptergebnisse für die Bautypen 1 bis 6 gemäß der Originaluntersuchung (Werte entsprechen der Tabelle 1)
Bild 1: Grafische Darstellung der Hauptergebnisse für die Bautypen 1 bis 6 gemäß der Originaluntersuchung (Werte entsprechen der Tabelle 1)

Raumtemperaturverläufe jeweils am 3. Simulationstag für alle untersuchten Bauweisen (Bautypen 1 bis 6) am heiteren Julitag
Bild 2: Raumtemperaturverläufe jeweils am 3. Simulationstag für alle untersuchten Bauweisen (Bautypen 1 bis 6) am heiteren Julitag



Leistungsverläufe jeweils am 3. Simulationstag für alle untersuchten Bauweisen (Bautypen 1 bis 6) am Extremsommertag
Bild 3: Leistungsverläufe jeweils am 3. Simulationstag für alle untersuchten Bauweisen (Bautypen 1 bis 6) am Extremsommertag

Download des kompletten Forschungsberichts unter:
http://www.rom-umwelt-stiftung.de/arbbisher/projekt14.php

Autor: Professor Dr.-Ing. habil. Bernd Glück,
RUD. OTTO MEYER-UMWELT-STIFTUNG, Hamburg
www.ROM-Umwelt-Stiftung.de

© C.A.T.S. Software GmbH