Einfach Messen statt Rechnen-
Ein neuer Weg für den Energiepass?

Dipl.-Ing. Peter Müllner, Abteilungsvorstand für Maschineningenieurwesen, Höhere Technische Bundeslehranstalt Vöcklabruck

Seit 4. Januar 2006 ist die Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie, der Immobilienpass, für alle EU-Länder vorgeschrieben. Diese Richtlinie betrifft nicht nur neue, sondern auch bestehende Gebäude. Somit ist die Gebäudepasserstellung ab sofort und zwangsweise ein heißes Thema. Für den Immobilienpass ist nicht nur die Gebäudehülle, sondern auch ein effizientes Gebäudemanagement von großer Bedeutung. Die heute schon weit verbreiteten Bereiche des Contracting und der Leittechnik werden immer wichtiger.

Die Idee der namhaften Messtechnikfirma "testo" war, die Erstellung des Gebäudepasses nicht auf dem üblichen Weg, das heißt durch Berechnung des Gesamtenergiebedarfes, zu gehen. Es wird angestrebt, den Gesamtenergie-
Verbrauch durch Messung bestimmter Kenngrößen (Vor- und Rücklauf von Heizung, Kessel und Speicher, Brennstoffverbrauch und Abgaswerte) zu ermitteln. Das Ergebnis dieser 24-stündigen Messungen muss nicht nur richtig im Sinne der Energiezertifizierung von Gebäuden sein, sondern sollte auch mit vertretbarem Aufwand, wenn möglich geringerem als bei der konventionellen Berechnung, erstellt werden können. Vor allem bei bestehenden Objekten verspricht man sich einen großen Zeitvorteil bei der Erstellung des Energieausweises. Die Auswertungs-Software soll darüber hinaus auch noch Kriterien liefern, wie die Energieeffizienz zu verbessern wäre.

An der Höheren Technischen Bundeslehranstalt Vöcklabruck wird im Rahmen einer Diplomarbeit unter der Leitung von Prof. Dipl.-Ing. Gerhard Prochazka untersucht, inwiefern der nach EN 12831 berechnete Energiebedarf vom gemessenen Energieverbrauch abweicht. Als Testobjekte wurden möglichst nach Art und Nutzung unterschiedliche Gebäude ausgewählt: Einfamilienwohnhaus, Wohnanlage und Bürogebäude.

Hier nun in Kurzform die Ergebnisse der vergleichenden Untersuchung und die dabei aufgetretenen Probleme:

1.) Datenaufnahme

  • Gebäude: Vom Gebäude sind die Flächen, die Materialien, die Lage , die Orientierung und die Nutzung zu bestimmen.

    Probleme: Die vorhandene Dokumentation ist zum Teil sehr schlecht und bei Altbauten oft gar nicht vorhanden. Die Planer sind mitunter nachlässig, Installationsfirmen nicht mehr existent (Konkurs) oder der Betreiber verfügt nur über alte Dokumentationen. Oft ist also eine Neuaufnahme, das heißt eine Zeichnung und eine Berechnung der U-Werte notwendig. Dafür wird an der HTL Vöcklabruck die Software der Fa. C.A.T.S. verwendet.

  • Heizsystem: Es sind der Kessel mit dem Brenner, die Hydraulik und die Hydraulikkomponenten, das Heizsystem und die Regelung zu berücksichtigen.

  • Energiebedarf: Bei Altbauten sollte der Brennstoff- und Stromverbrauch bekannt sein.

    Probleme: Oft sind keine Aufzeichnungen vorhanden und verschiedene Personen zuständig. Die ausgeführten Anlagen entsprechen mitunter nicht den Plänen.
    Unabhängig davon, auf welche Art der Energiepass erstellt wird, ist die Datenaufnahme oft sehr langwierig!


    2.) Messung bzw. Registrierung

  • Heizung: Vorlauf- und Rücklauftemperatur
    Raumtemperatur
    Außentemperatur

  • Rauchgas: Temperatur und Zusammensetzung

  • Brennerlaufzeiten

  • Aufzeichnung der Messwerte (Diagramme und Tabellen)

    Probleme bei der Messung:
    Es ist geschultes Personal notwendig.
    Bei der Messung selber stören oft die Wärmeisolierungen beim Anbringen der Messwertgeber.

    Vorteile bei der Messung:
    Man benötigt nur einen Messkoffer, der Datenlogger zeichnet 24 Stunden auf und die variable Darstellung zeigt das Systemverhalten.

3.) Diagnose bzw. Berechnung

  • Datenübermittlung: Erfolgt per e-mail an die Messtechnikfirma.

  • Auswertung: Erfolgt von einer Fachkraft mittels Software

  • Ergebnis: Man erhält die erforderlichen Energieeffizienzwerte für den Gebäudepass und Empfehlungen für Systemänderungen, zum Beispiel:

Nach der Nachtabsenkung sehr lange Aufheizzeit, da das Warmwasser und die Heizung gleichzeitig aufgeheizt werden.
An den kurzzeitig sehr hohen Vorlauftemperaturen erkennt man, dass die Vorrangschaltung nicht richtig funktioniert.

Lange Speicherladezeit nach der Nachtabsenkung. Entweder ist die Kesselleistung zu gering oder die Vorrangschaltung funktioniert nicht.

Speicherladevorgänge in der Nacht sind nicht notwendig, da zu dieser Zeit kein Warmwasser entnommen wird.

4.) Vergleich der herkömmlich berechneten mit den gemessenen Werten.

Bei beiden Verfahren wurden ähnliche Werte für die Gebäudekennzahl ermittelt. Es ist aber unbedingt notwendig, auf die Genauigkeit der Werte hinzuweisen. Durch unterschiedliche Annahmen kann die Berechnung bis zu ± 30% differieren und auch bei der Messung rechnet man mit Abweichungen von ± 20%.

Weder bei der konventionellen Berechnungs- noch bei der erprobten Messmethode kann auf die begleitende Unterstützung eines CAD-Systems verzichtet werden. Den Diplomanden waren dabei folgende Anforderungen an das CAD-System sehr wichtig:

  • Einfache Planerstellung bzw. die Möglichkeit, vorhandene Daten einlesen zu können.
  • Heizlastberechnung über Wandaufbau soll rasch möglich sein
  • Es sollten Aussagen über die Qualität des geplanten Systems (Hydraulik) gemacht werden. Die Software der Fa. C.A.T.S. erfüllt die Erwartungen und bewährt sich an der HTL Vöcklabruck.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Messmethode der Firma testo zufriedenstellende Ergebnisse gebracht hat. Der Vorteil, der sich bei den Messungen ergeben hat, lag aber weniger in der Zeitersparnis, als in der Lieferung von dynamischen Systeminformationen. Diese können in weiterer Folge zur Verbesserung des Gesamtsystems verwendet werden. Es bleibt abzuwarten, ob die Messungen den Ausführungsrichtlinien zur Erstellung eines Gebäudepasses entsprechen werden. Wenn ja, würde sich die Ausstellung eines "Energieausweises für Gebäude" stark vereinfachen, besonders für bestehende und vor allem alte Gebäude.


Dipl.-Ing. Peter Müllner
Abteilungsvorstand für Maschineningenieurwesen
Höhere Technischen Bundeslehranstalt Vöcklabruck, Österreich
www.schulen.eduhi.at/htlvoecklabruck/


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