Im nachfolgenden Artikel sollen speziell die derzeit
vorhandenen Normen und Richtlinien erläutert werden, die sich mit
thermischer Behaglichkeit in umbauten Räumen befassen. Vorangestellt
wird diesen Ausführungen ein Abschnitt, der grundlegende Fragestellungen
zur thermischen Behaglichkeit zusammenfasst.
Was ist "Thermische Behaglichkeit"?
Unter einem thermisch behaglichen Zustand werden die
Eigenschaften eines Raumes verstanden, bei denen der Organismus des
Menschen
1. die geringsten thermoregulatorischen Aufwendungen
vornehmen muss,
2. eine anstrengungslose, unspürbare Wärmeabgabe erfolgt
sowie
3. ein subjektives Wohlempfinden des Menschen mit seiner Umgebung
vorliegt, d.h. es nicht zu warm oder zu kalt ist.
Zur quantitativen Bewertung dieser Forderungen hat es
in der Vergangenheit eine Vielzahl von Veröffentlichungen gegeben.
Die wohl bekanntesten Bewertungsgrößen sind der PMV- sowie
der PPD-Index die auf Fanger [1] zurückgehen. Unter dem PMV- Index
(predicted mean vote) versteht man dabei die mittlere subjektive Klimabewertung
der Raumnutzer. Der PPD- Index stellt hingegen den Prozentsatz der Raumnutzer
dar, die mit den herrschenden raumklimatischen Verhältnissen nicht
zufrieden sind. Beide Größen stehen in direktem Bezug zueinander
und können z.B. mittels Abb. 1 direkt ineinander überführt
werden.

Abb. 1.: PPD- Index in Abhängigkeit des PMV- Maßstabes.
Beide Kriterien, der PMV- sowie der PPD- Index gehören
zu den globalen thermischen Behaglichkeitsgrößen. Neben diesen
existieren jedoch noch weitere lokale Größen. Zu ihnen zählen
1. der Lufttemperaturverlauf über der Höhe,
2. die Strahlungsasymmetrie,
3. das Zugluftrisiko sowie
4. die Oberflächentemperatur (nur bei der Fußbodenheizung).
Nur wenn die globalen sowie die lokalen Größen
eingehalten werden, kann die thermische Behaglichkeit im Raum gesichert
werden.
Normen und Richtlinien
Aussagen zur thermischen Behaglichkeit werden in einer
Vielzahl von Normen und Richtlinien getroffen. Die wichtigste, heute
gültige Norm stellt in diesem Zusammenhang die aus dem Jahre 1995
stammende DIN EN ISO 7730 [2] dar. In ihr werden die Grundzüge
zur Berechnung des PMV- sowie PPD-Indexes beschrieben und in einem quelltextähnlichen
Programmablaufplan zusammengefasst. Zusätzlich sind in der genannten
Norm mathematische Zusammenhänge zur Beschreibung des Zugluftrisikos
sowie eine große Anzahl von Eingangsparametern in tabellarischer
Form dokumentiert.
Hervorzuheben ist weiterhin der in DIN EN ISO 7730 beschriebene Ansatz
zur Berechnung einer "Operativen Raumtemperatur" (oftmals
auch als Empfindungstemperatur bezeichnet), der die in der Praxis als
erster Anhaltswert für die thermische Behaglichkeit sehr leicht
aus der Lufttemperatur und der Strahlungstemperatur der Umfassungsflächen
bestimmt werden kann. Gewichtet werden die Lufttemperatur sowie die
Strahlungstemperatur der Umfassungsflächen mittels eines Parameters
a, der in stark vereinfachter Weise die relative Luftgeschwindigkeit
berücksichtigt (siehe Gleichung 1 / Tabelle 1).

(Gl. 1)
mit

Tabelle 1: Wichtungsparamter a für die operative Raumtemperatur
nach [2]
Im Jahre 2003 wurde die DIN EN ISO 7730 vollständig
überarbeitet und um zusätzliche, praxisrelevantere Algorithmen
zur Beschreibung der thermischen Behaglichkeit in Gebäuden ergänzt.
Anzumerken ist jedoch, dass diese als prEN 7730 (Entwurf) [3] bezeichnete
Norm derzeit nur als Entwurf vorliegt und noch nicht verabschiedet ist.
Dennoch sind viele in [3] beschrieben Ansätze schon in für
den TGA- Ingenieur relevante Standardwerke übernommen worden (siehe
z.B. [4]). Die wichtigste Neuerung gegenüber der derzeit gültigen
DIN EN ISO 7730 stellt zweifellos die Einteilung des Umgebungsklimas
in so genannte Behaglichkeitsklassen dar. Typisiert werden dabei die
Umgebungsbedingungen in die Behaglichkeitsklassen A, B, C denen Grenzwerte
für die oben beschriebenen globalen und lokalen Größen
zugeordnet werden. Eine Auswahl der in der prEN 7730 (Entwurf) dokumentierten
Kennwerte zeigt Tabelle 2.

Tabelle 2: Komfortkriterien nach prEN 7730 (Entwurf) [3] (Büroraum,
M = 1,2 met)
Über die Klassifizierung hinaus werden in der prEN
7730 (Entwurf) auch erstmals Angaben zum Umgebungsklima mit unstetigem
Verlauf sowie zur Bewertung der thermischen Behaglichkeit über
sehr lange Zeiträume getroffen.
Die DIN EN ISO 7730 sowie die prEN 7730 (Entwurf) stellen die wichtigsten
Beziehungen zur Beschreibung der thermischen Behaglichkeit in Gebäuden
zusammen. Darüber hinaus sind jedoch in einzelnen Normen weitere
Angaben zu finden. Speziell zu erwähnen sind hier die DIN EN 15251
(Entwurf) [5] sowie die DIN EN 13779 [6] die Angaben zur thermischen
Behaglichkeit in Bezug auf einen lüftungstechnischen Schwerpunkt
machen. Im weiteren Sinne ist auch die Richtlinie VDI 6030 [7] zu den
Werken zu zählen. Der Fokus dieser Norm richtet sich jedoch sehr
stark auf die Auslegung von freien Heizflächen unter der Prämisse
der Vermeidung von Strahlungsdefiziten im Raum.
Alle genannten Normen und Richtlinien gehen in ihrer Anlage von einer
sehr genauen Berechnung der wärmephysiologischen Parameter aus.
In der Praxis sind diese komplexen Zusammenhänge den beteiligten
Projektpartnern jedoch nicht immer leicht zu vermittelten. Aus diesem
Grunde wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Untersuchungen durchgeführt,
die für typische anlagen- und bautechnische Lösungen die wärmephysiologischen
Zustände im Raum beschreiben. Zu nennen sind hier im Besonderen
die Arbeiten von Richter in [8], [9] der für den Winter- wie für
den Sommerfall praxisrelevante Konfigurationen untersucht und anhand
einfacher Grafiken versucht, die jeweiligen wärmephysiologischen
Verhältnisse zu beschreiben. Für eine an der Außenwand
angeordnete freie Heizfläche bei einer Außentemperatur von
=-5°C
und einem Luftwechsel von
sind
z.B. in [8] folgende Abbildungen zu finden:
Abb. 2: Max. Strahlungsasymmetrie
in einer horizontalen / vertikalen Ebene

Abb. 3: Zugluftrisiko DR in einer vertikalen Ebene
Für die in der Praxis geforderte Möglichkeit,
die wärmephysiologischen Zustände sehr schnell einschätzen
zu können, sind die dokumentierten Abbildungen jedoch noch zu detailliert
und erlauben nur eingeschränkt eine Einschätzung der Gesamtsituation.
Aus diesem Grunde wurde ebenfalls von Richter ein kombinatorischer Bewertungsmaßstab
zur Beschreibung der thermischen Behaglichkeit vorgeschlagen. Dieser
neue, als "Summative thermische Behaglichkeit" bezeichnete
Größe, wird ebenfalls in die Klassen A, B und C eingeteilt
und kann wie folgt gebildet werden:

Tabelle 3: Definition der "Summativen thermischen Behaglichkeit"
Entscheidender Vorteil dieser kombinatorischen Betrachtung
ist, dass alle wärmephysiologischen Parameter mittels eines Maßstabes
dargestellt werden können, was in der Praxis von großem Vorteil
ist. Die im vorangegangenen beschriebene Situation würde sich unter
Berücksichtigung des Bewertungsmaßstabes der "Summativen
thermischen Behaglichkeit" z.B. wie folgt darstellen:

Abb. 5: Summative thermische Behaglichkeit
Derzeit laufen an der technischen Universität Dresden
Untersuchungen, um im Rahmen eines normativen Verfahrens, diesen Bewertungsansatz
dem planenden Ingenieur zugänglich zu machen.
Fazit
Für viele in der Praxis tätige Ingenieure ist
der Begriff der Thermischen Behaglichkeit im Raum eher eine abstrakte
Größe, da deren Bestimmung sehr komplex ist und von einer
Vielzahl von Einflussgrößen abhängt. Zielten in der
Vergangenheit normative Berechnungsverfahren hauptsächlich darauf
ab, die physikalischen Grundlagen zu beschreiben, so wird in neueren
Normen und Richtlinien vermehrt der Fokus auf eine verbesserte praktische
Handhabung gelegt. In diese Tendenz ordnet sich z.B. die Klassifizierung
wärmephysiologischer Parameter in die Kategorien A, B, C ein. Eine
Fortschreibung dieser Entwicklung wird durch die Verwendung kombinierter
Bewertungsverfahren erreicht, die in den Normen und Richtlinien der
nächsten Generation Einzug halten werden.
Dr. J. Seifert und Prof. W. Richter
Institut für Thermodynamik und Technische Gebäudeausrüstung,
TU Dresden
Literaturverzeichnis
[1] Fanger, P. O.:
Thermal Comfort analysis and Applications in Environmental Engineering.
McGraw-Hill-Books New York, 1973
[2] DIN EN ISO 7730:
Gemäßigtes Umgebungsklima; Ermittlung des PMV und PPD und
Beschreibung der Bedingungen für thermischen Komfort, September
1995, DIN Deutsches Institut für Normung e.V.
[3] EN 7730 (Entwurf): Analytische
Bestimmung und Interpretation der thermischen Behaglichkeit durch Berechnung
des PMV- und des PPD- Indexes und der lokalen thermischen Behaglichkeit
(Entwurf 10/2003), DIN Deutsches Institut für Normung e.V.
[4] Recknagel 2005 / 2206:
Taschenbuch für Heizung + Klimatechnik, Oldenbourg Industrieverlag,
2005
[5] DIN EN 15251 (Entwurf): Bewertungskriterien
für den Innenraum einschließlich Temperatur, Raumluftqualität,
Licht und Lärm (Entwurf 7/2005), DIN Deutsches Institut für
Normung e.V.
[6] DIN EN 13779:
Lüftung von Nichtwohngebäuden - Allgemeine Grundlage und Anforderung
an Lüftungs- und Klimaanlagen, 2005, DIN Deutsches Institut für
Normung e.V.
[7] VDI 6030:
Auslegung von freien Heizflächen - Grundlagen und Auslegung von
Raumheizkörpern, Verein Deutscher Ingenieure, Juli 2002, Verein
deutscher Ingenieure
[8] Richter, W. et al.:
Handbuch der thermischen Behaglichkeit - Heizperiode-. Schriftenreihe
der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2003.-
ISBN 3-86509-013 -3
[9] Richter, W. et al.:
Handbuch der thermischen Behaglichkeit - Sommerfall-. Schriftenreihe
der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Manuskript
2006.
Beruflicher
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