DIN V 4701-10 - Aktualisiertes Beiblatt (Februar 2007)
100 Varianten für Anlagentechnik in Wohngebäuden

Dr.-Ing. Thomas Hartmann, Prof. Dr.-Ing. Bert Oschatz
ITG Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden
Forschung und Anwendung GmbH


Im Zuge der Fortschreibung der Energieeinsparverordnung wurde das Beiblatt zur DIN V 4701-10 wesentlich erweitert und
gemäß der neuen Anforderungen der Energiebedarfsausweise für Wohngebäude angepasst.
Dieses Beiblatt darf für die Erstellung von Energieausweisen herangezogen werden, wenn der Heizwärmebedarf des Gebäudes
zuvor ermittelt wurde. Neue Techniken wie Holzkessel oder Anlagenkombinationen mit unterschiedlichen Arten
von Lüftungsanlagen und solarer Heizungsunterstützung sind mit aufgenommen worden.

Im Oktober 2007 ist die Novelle der Energieeinsparverordnung EnEV in Kraft getreten. Am Verfahren für die Ermittlung des Energiebedarfs und die Erstellung von Energieausweisen bei zu errichtenden Wohngebäuden haben sich nur geringe Änderungen ergeben. Bei der Ermittlung des Energiebedarfs wird weiterhin auf die DIN V 4701-10 und DIN V 4108-6 verwiesen.
Die DIN V 4701-10 ermöglicht die energetische Bewertung von Heiz- und Lüftungstechnik sowie Trinkwassererwärmung in Wohngebäuden. Die Norm enthält drei Berechnungsverfahren, die alternativ verwendet werden können:

  • detaillierte Bestimmung einzelner bzw. aller Kennwerte,
  • Nutzung tabellierter Standardkennwerte,
  • Verwendung von Diagrammen definierter Anlagensysteme auf Basis der tabellierten Standardkennwerte.

Im Beiblatt 1 zu DIN V 4701-10 sind die Diagramme zur vereinfachten Bewertung einer Vielzahl von Anlagensystemen enthalten.
Die im Februar 2007 erschienene Überarbeitung des Beiblatts war primär erforderlich, da das bisherige Beiblatt auf der ersten, zwischenzeitlich nicht mehr gültigen, Ausgabe der Norm vom Februar 2002 beruhte. Seit August 2003 gibt es eine Neufassung der Norm DIN V 4701-10. Im Zuge der Überarbeitung des Beiblatts konnte eine Reihe weiterer Ergänzungen und Verbesserungen vorgenommen werden:

  • Alle Berechnungen erfolgen auf Basis der aktuellen Norm DIN V 4701-10: 2003-08.
  • Primärenergiebedarf und Anlagenaufwandszahlen werden auf den nicht erneuerbaren Anteil der Primärenergie bezogen (entsprechend DIN V 4701-10/A1: 2006-12 und Vorgaben der neuen EnEV).
  • Bei Brennwerttechnik werden die für den deutschen Markt typischen verbesserten Standardwerte der Wärmeerzeuger verwendet.
  • Die Regelung der Wärmeübergabe wird bei freien Heizflächen durch Thermostatregelventile mit einem Auslegungsproportionalbereich von 1 K, bei integrierten Heizflächen durch Einzelraumregelung mit Zweipunktregler und einer Schaltdifferenz von 0,5 K berücksichtigt.
  • Die Anordnung von Lüftungsanlagen erfolgt in Verbindung mit Nah- und Fernwärmeversorgung im Dachraum (außerhalb der thermischen Hülle).
  • Es gibt insgesamt 28 neue Anlagenvarianten, die den aktuellen Marktentwicklungen Rechnung tragen (Pelletkessel, neue Lüftungstechnik, solare Heizungsunterstützung).

Die bisherige Nummerierung wurde im Wesentlichen beibehalten, um das Auffinden der Varianten für die Anwender zu erleichtern. Neue Varianten, die sich nur in einzelnen Parametern von vorhandenen Varianten unterscheiden, sind mit einer zweiten, zusätzlichen Ziffer bezeichnet. So gibt es beispielsweise zur bisher schon vorhandenen Variante 6 (zentraler NT-Kessel mit Heizkörpern und Abluftanlage mit DC-Ventilator) jetzt eine Variante 6.1, bei der der DC-Ventilator durch einen AC-Ventilator ersetzt wird und eine Variante 6.2 mit einer Bedarfsregelung der Abluftanlage.

Der Umfang des Beiblatts wurde erweitert, um aktuelle Marktentwicklungen zu berücksichtigen:

  • Pelletkessel (auch in Kombination mit Lüftungsanlagen und/oder solarer Trinkwassererwärmung),
  • innovative Lüftungstechnik (u. a. bedarfsgeregelt und mit Abluftwärmenutzung zur Anhebung der Wärmequellentemperatur) und
  • solare Heizungsunterstützung.

Alle im Beiblatt dargestellten Anlagensysteme sind jeweils auf einer Doppelseite abgebildet, deren Aufbau identisch ist. Die erste Seite (Abbildung 1) enthält die Systembeschreibung sowie eine Tabelle und ein Diagramm mit den Primärenergiebedarfswerten.

Erste Seite einer Anlagenbewertung - Systembeschreibung und Primärenergiebedarf
Abbildung 1: Erste Seite einer Anlagenbewertung - Systembeschreibung und Primärenergiebedarf

Auf der zweiten Seite (Abbildung 2) werden Diagramme und Tabellen zum Endenergiebedarf sowie Anlagenaufwandszahlen abgebildet. Die Endenergiebedarfswerte werden für Endenergieträger 1 (z. B. Gas) und Endenergieträger 2 (z. B. Strom) getrennt ausgewiesen. Alle Angaben erfolgen in Abhängigkeit von der Nutzfläche und vom Jahresheizwärmebedarf. Zwischenwerte zu den Tabellenangaben können interpoliert werden.


Zweite Seite einer Anlagenbewertung - Endenergie und Anlagenaufwandszahl
Abbildung 2: Zweite Seite einer Anlagenbewertung - Endenergie und Anlagenaufwandszahl

Der Primärenergiebedarf der in DIN V 4701-10 betrachteten Systeme setzt sich aus erneuerbaren (regenerativen) und nicht erneuerbaren Anteilen zusammen. Bisher wurde vereinfachend für alle Energieträger (außer Holz) der gesamte Primärenergiefaktor als Summe der beiden Anteile ausgewiesen. Im Zuge der Novellierung der Energieeinsparverordnung werden primärenergetische Bewertungen für alle Energieträger nun auf den nicht erneuerbaren Anteil bezogen. Die auf den gesamten und die auf den nicht erneuerbaren Anteil bezogenen Primärenergiefaktoren enthält Tabelle 1. Eine technisch wesentliche Änderung ergibt sich beim nicht erneuerbaren Anteil des Strommix, der mit einem Primärenergiefaktor von 2,7 (bisher Gesamt-Primärenergiefaktor 3,0) abgebildet wird.


Primärenergiefaktoren nach DIN V 4701-10/A1, für EnEV 2007 differenziert in gesamten und nicht erneuerbaren Anteil
Tabelle 1: Primärenergiefaktoren nach DIN V 4701-10/A1, für EnEV 2007 differenziert in gesamten und nicht erneuerbaren Anteil

Mit dem neuen Beiblatt soll schon im frühen Planungsstadium die Auswahl der Anlage für den Primärenergienachweis erleichtern werden. Auch dem Nicht-Fachmann soll die Darstellung einen Überblick über die Effizienz von unterschiedlichen, gebräuchlichen Anlagenkonfigurationen zur Heizung, Lüftung und Trinkwassererwärmung geben.

Das Beiblatt kann auch bei komplexeren Anlagenkonfigurationen einfach angewendet werden. Abbildung 3 enthält die Systembeschreibung für eine Anlage mit Elektro-Wärmepumpe, Solaranlage zur Trinkwassererwärmung und Abluftanlage.


Systembeschreibung Beispielanlage mit Elektro-Wärmepumpe, solarer Trinkwassererwärmung und Lüftung mit Abluftanlage

Abbildung 3: Systembeschreibung Beispielanlage mit Elektro-Wärmepumpe, solarer Trinkwassererwärmung und Lüftung mit Abluftanlage
(Anlage 57 aus Beiblatt 1 DIN V 4701-10)

In den Tabellen des Beiblatts können Primärenergiebedarf, Endenergiebedarf und Anlagenaufwandszahl bei bekannter Gebäudegröße (Nutzfläche) und bekanntem Wärmeschutz (Heizwärmebedarf) direkt abgelesen werden. Tabelle 2 zeigt ausgewählte Ergebnisse.


Ausgewählte Ergebnisse für ein Wohngebäude mit Anlagentechnik entspr. Abbildung 3
Tabelle 2: Ausgewählte Ergebnisse für ein Wohngebäude mit Anlagentechnik entspr. Abbildung 3

Der Primärenergiebedarf ist für ordnungsrechtliche Anforderungen (EnEV), ökologische Bewertungen und oft auch für Förderprogramme ausschlaggebend. Der Endenergiebedarf ist eine Anhaltsgröße für die Abschätzung der zu erwartenden Energiekosten unter Standardbedingungen.
Das überarbeitete Beiblatt 1 zu DIN V 4701-10 kann nach EnEV 2007 für den Nachweis des Primärenergiebedarfs und die Erstellung von Energieausweisen von

  • Wohnungs-Neubauten sowie
  • bestehenden Wohngebäuden mit einem Wärmeschutzniveau entsprechend Wärmeschutzverordnung 1995 oder besser
    herangezogen werden. Durch den Verweis der EnEV auf die eigentliche Norm DIN V 4701-10 ist das Beiblatt zu dieser Norm impliziter Bestandteil des EnEV-Verfahrens.

© C.A.T.S. Software GmbH